


 | Voyager's Digest Number 2
Ein Newsletter von Martin Frech, von dem Winston Churchill einmal sagte: "Martin Frech ist die Art von Person, die niemals fuer einen Newsletter einfach ein Zitat erfinden wuerde!"
k, ok, ich gebe zu, ich bin etwas zu spaet mit meinem Digest. Und ich gebe auch zu, dass "etwas spaet" ein heftiger Euphemismus ist... Aber es gibt so viel zu erzaehlen, dass ich garnicht weiss, wo ich anfangen soll. Und hier passiert alles Schlag auf Schlag - ich bin froh, dass ich endlich dazu gekommen bin, zu schreiben... Aber ich habe eine der besten Ausreden, die man sich vorstellen kann: Ich habe ganz ganz ganz viele Fotos gemacht, und auch alle eingescannt. Und sie sind im Internet verfuegbar. Wo Ihr Euch also ansehen koennt, wie's dem Martin so ergeht erfahrt Ihr am Ende dieser Nachricht.
Also, das wichtigste zuerst: Mir geht es gut. Hmmm, das bessere Wort ist vielleicht: Ausgezeichnet! An das Wetter meine ich mich gewoehnt zu haben (oder zumindest an's Schwitzen - ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass ich meine Moonboots umsonst eingepackt habe), die Leute sind nach wie vor alle super nett, und die Arbeit macht auch richtig Spass. Was will man mehr?
Gluecklicherweise habe ich ueber die Organisation Rotaract (http://www.rotaract.de) gleich Kontakt zu echten Einwohnern Singapurs bekommen (und nicht nur zu anderen Praktikanten aus Deutschland). Die Leute hier (die interessanterweise alle einsilbige Vornamen haben, wie Cho, You, Ping, See und Lo) unterhalten mich wirklich jedes Wochenende. Aber der Reihe nach:
Am ersten Wochenende haben mich die Roraracter zu einer Konferenz mitgenommen. Ich habe einen Haufen Bilder geschossen (siehe auch die Website unten). Das fuer mich bedeutendste Ereignis war die sogenannte 'community service'. In Singapur war bis vor ca. 30 Jahren noch Lepra ein echtes Problem. Inzwischen vollstaendig in Asien ausgerottet (Indien hat's noch), gibt es natuerlich nach wie vor ehemalig Lepra-Kranke. Wir haben mit Rotaract ein Heim besucht, in dem ehemalig Lepra-Kranke wohnen, die wegen Ihrer Deformierungen von Ihren Familien verstossen wurden (wie grausam). In dem Heim haben wir Waende gestrichen, die Zimmer geputzt und kleinere Reparaturen vorgenommen. Das besondere fuer mich war, mich mit den Leuten zu unterhalten. Die sind z. T. sehr alt - die meisten ueber 80. Ich habe die Heimleiterin gefragt, wie das kommt, und die sagte "Ganz einfach: Diese Leute haben mit ihrem Leben abgeschlossen. Die haben einfach keinen Stress mehr!". Jedenfalls habe ich mich mit einer aelteren Frau unterhalten (Mrs. Siew Pon). Gleich zu Beginn des Gespraechs fragte sie mich, ob ich denn Kinder habe. "No" sagte ich. "Why not?" "Well, I'm not married, for one" "Why you no married? I find you wife!". Nett.
Etwas bedrueckend fand ich die vielen Familienfotos (insb. von ihrer Tochter) - obwohl sie ja verstossen worden war. Jedenfalls waren die Leute alle super nett und lustig - der Besuch hat mir wirklich viel gebracht...
Aber zu weniger ernsten Themen: Hier ist irgendwie alles anders als in Deutschland (wer haette es gedacht)... Z. B. die Arbeitsmoral: Samstag ist hier ein ganz normaler Arbeitstag, und es ist selbstverstaendlich, dass die Bauarbeiter sonntags und nachts arbeiten, damit die Strasse fuer den Berufsverkehr am Montag fertig ist... Versuch' mal in Deutschland ueberhaupt einen Bauarbeiter dazu zu bewegen, sich nach 16:00 Uhr zu ruehren...
Und weil ich immer wieder gefragt werde: Nein, ich habe noch keine Pruegelstrafe von der Polizei bekommen, musste noch keine Strafe zahlen und wurde auch noch nicht hingerichtet. Die Strafen hier in Singapur sind aber schon heftig. Ab 5 Gramm Drogen gibt es hier die Todesstrafe (ohne Ausnahmen). Und: Angeblich gibt es hier jeden Monat eine Hinrichtung - meist von Drogendealern. Singapur ist schon ein sonderbares Land. Auf der einen Seite gibt es fuer Vergewaltigung keine Todesstrafe, aber Kaugummi zu verkaufen ist auch illegal... Verkehrte Welt. Begruessen kann ich jedenfalls, dass fast ueberall Rauchverbot herrscht. Ich fand es sowieso nie besonders schlau, mit einem kontrollierten Feuer im Mund herumzustehen.
Da faellt mir ein: Die groessten Vor- und Nachteile Singapurs koennte ich mal aufzaehlen. Aber, um die Sache etwas spannender zu gestalten, laeuft das Ganze in einem besonderen Format. Naemlich nach dem Gut - Schlecht - Schlechter - System. Kennt Ihr nicht? Hier ein Beispiel:
Gut: Deine Frau begruesst Dich nackt an der Haustuer. Schlecht: Von draussen. Schlechter: Zusammen mit dem nackten Brieftraeger.
Also, auf geht's:
Gut: Ich habe mein eigenes Buero, und mein Monitor zeigt vom Eingang weg. Schlecht: Mein Rechner hat keinen Internetzugang. Schlechter: ...und ist ein alter 486er, auf dem ich sowieso nichts interessantes machen kann, das es zu verbergen lohnen wuerde.
Gut: Die Frauen hier sind alle kleiner als ich - und bewegen sich somit im Zielkorridor Schlecht: Als Mann muss man in Singapur mindestens 3 von 4 der grossen Cs haben: Creditcard, Career, Car, Condominium, und ich habe keines davon. Schlechter: Mein C (cabbage) zaehlt nicht.
Gut: Ich erlebe viel. Schlecht: Mein Portemonnaie auch. Schlecher: Das mit dem Portemonnaie hat sich inzwischen erledigt. Und die Bankkarte hat auch schon keine Lust mehr, Sachen zu erleben.
Gut: Essen ist hier sehr preiswert. Schlecht: Zumindest ueberkochte Nudeln und so komisches Gemuese. Schlecher: Mein Magen vertraegt inzwischen nur noch die 30 DM - Nudeln.
Gut: Man kann hier viele Erfahrungen mit fremden Sprachen sammeln. Schlecht: Die ich Alle nicht verstehe. Schlecher: Im Restaurant wurde ich heute gefragt: "Tkway? Tschidona Chi?". Nachdem ich fuenf mal nachgefragt habe, was das heissen soll, und es trotzdem nicht verstanden habe, habe ich einfach aufgegeben und genickt: "Yeah.". Noch schlechter: Ich habe spaeter erfahren, das mich die Frau gefragt hat: "Wir moechten gerne heute Nacht vorbeikommen und Deine Eingeweihde entfernen. Ist das OK?"
Als Abschluss fuer diese Mail moechte ich mit Euch gerne nochmal ein Erlebnis teilen: Wie sieht so ein typischer Tag fuer mich aus? Also, nehmen wir einen beliebigen Montag...
Wenn der Wecker klingelt, merke ich, dass ich zu alt bin, um vor 12 Uhr mittags aufzustehen. Trotzdem quaele ich mich aus dem Bett, nachdem ich die Hoffnung aufgegeben habe, in einem Radiobericht zu hoeren, dass der Tag heute ausfaellt.
Ich stelle fest, dass die Erdanziehungskraft in meinem Schlafzimmer auf 190% gestellt wurde. Der Grund, warum ich ueberhaupt so frueh aufstehe, ist, dem Berufsverkehr aus dem Wege zu gehen. Es scheint so, als haette ganz Singapur dieselbe Idee gehabt. Ueberall um mich herum telefonieren, faxen und mailen die Leute auf dem Weg zur Arbeit - alles Technophile. Wahrscheinlich kommunizieren die alle miteinander: "Hey, schau Dir den Idioten da drueben mal an, der hat noch nicht einmal ein Handy!". Im Buero angekommen beginnt der Tag allerdings, Spass zu machen. Die Arbeit ist gut, die Kollegen sind nett, und so kann ich den Rest des Tages aushalten.
Mittags gehe ich dann mit den Kollegen essen, wo ich wegen meines begrenzten Budgets die Wahl habe zwischen "Loo Young Foo" und "Fong Choi Too" - beides schmeckt ungefaehr gleich: Wie Reis mit Holzgeschmack.
Abends kann ich dann nach Hause gehen und mich schlafenlegen.
Ok, ok, ich gebe zu: Etwas uebertrieben. Wie gesagt, mir geht es hier wirklich gut.
Also, dann will ich Euch mal entlassen. Vorher aber noch zwei kleine Zusatzinfos:
Ihr koennt mich mit einem Telefongespraech in Deutschland erreichen! Unter der Nummer 040 / 679 29 09 17801 koennt Ihr mir eine Nachricht hinterlassen, die ich dann ueber's Internet abfragen kann. Sehr cool!
Ansonsten koennt Ihr Euch jetzt meine Fotos anschauen - und was ich sonst noch so im Netz anzubieten habe. Aller erreichbar unter: http://www.frech.net/singapore
Viele liebe Gruesse aus dem sonnigen Singapur und bis zum naechsten Update!
Martin Frech 20. Juni 1999
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